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Bundesgemeinschaft für deutsch-niederländische Zusammenarbeit

Die Großmacht Spanien im Rhein-Maas Raum von 1580 bis 1630. Niederländische und deutsche Perspektiven

2022 jährt sich die Einnahme von Stadt und Festung Jülich durch Truppen des Königs von Spanien zum vierhundertsten Mal. Direkt im Anschluss an dieses Kriegsereignis von 1622 wurden noch zahlreiche weitere Städte im Westen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation von königlich-spanischen Militäreinheiten besetzt. Wichtige Ausgangspunkte für derartige Aktionen lagen in den spanisch-niederländischen Bastionen u.a. in Maastricht und Roermond. Bis etwa 1630 zeugte die starke Präsenz dieser Truppen im Raum an der Maas und am Niederrhein vom Bestreben, Spanien eine Stellung als Vormacht mitten in Europa zu sichern. Seit den Eroberungen unter Alexander Farnese, Herzog von Parma, von Maastricht (1579) und Teilen des alten Herzogtums Geldern in den 1580er Jahren kam dieser Region eine Schlüsselstellung im Kampf der Könige von Spanien gegen die für ihre Unabhängigkeit streitenden niederländischen Provinzen und im Versuch, ihren Einfluss auf die Verhältnisse im Reich zu vermehren, zu.

Wir möchten diese spanisch-niederländisch-deutschen Verflechtungen zum Anlass nehmen, um Wissenschaftler aus den Niederlanden und Deutschland miteinander über die internationale politische und strategische Bedeutung der Gebiete an der Maas und am Niederrhein zu dieser Zeit diskutieren zu lassen. Darüber hinaus geht es um Spuren, die die „Spanier“ (verstanden als eine Chiffre für ein multinationales Heer) sowohl unmittelbar als auch langfristig in der Region hinterlassen haben. Wie wurden sie von den Zeitgenossen gesehen? Welche zerstörerische Wirkung entfaltete ihr Ringen mit den Truppen ihrer Gegner und ihre Jagd auf Kriegsbeute? Wo versuchten sie, den katholischen Glauben mit Gewalt durchzusetzen? Wo verzichteten sie eher darauf, sich auf konfessionelle Konflikte einzulassen? In diesem Zusammenhang möchten wir auch die Suche nach einem Alltag im Krieg thematisieren, die durchaus immer wieder auch Ansätze zur Verständigung hervorbrachte. Wir wollen in unsere Überlegungen zudem Aspekte des Kulturtransfers einbeziehen und fragen, welche Innovationen u.a. in Waffentechnik und Festungsbau auf spanische Einflüsse zurückgingen. Ähnliche Fragen stellen sich im Hinblick auf die Entwicklung der Kartographie. Letztlich sind die „spanischen Zeiten“, an die sich zahlreiche einfache Leute noch längerfristig zurückerinnern sollten, auch im Hinblick auf mediengeschichtliche Fragestellungen besonders relevant. Sowohl in den Messrelationen des Michael von Aitzing als auch den „Geschichtsblättern“ von Frans Hogenberg spielten Feldherren und Soldaten des Königs von Spanien eine wichtige Rolle.

Der Zugang zu einigen der genannten Themenbereiche soll exemplarisch über städtegeschichtliche Betrachtungen erfolgen. Dies gilt insbesondere für Fragestellungen zur Alltagsgeschichte, die sich in zahlreichen Facetten erfassen lässt. Die Präsenz königlicher Truppen hat für die Menschen in Maastricht, Roermond und Venlo (heute NL) wie auch in Rheinberg, Moers, Geldern, Aachen (heute D) vielfältige Auswirkungen gehabt. Über den städtegeschichtlichen Vergleich sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Anwesenheit von Garnisonen sowohl im königlichen Hoheitsgebiet wie etwa in Roermond als auch außerhalb herausgearbeitet werden. Auch die ländlichen Gebiete im Umland der Städte sollen dabei möglichst erfasst werden.

Die Tagung soll an zwei Tagen stattfinden und ein größeres interessiertes Publikum einbeziehen. Hierfür ist vor allem ein längerer Abendvortrag geplant, der hoffentlich im November 2022, wie die gesamte Tagung, wieder in einem größeren Rahmen stattfinden kann. Eine parallele Online-Durchführung soll weitere Kreise als Zuhörer wie Diskutanten einbeziehen. Im Zentrum der Tagung steht der Wunsch nach einer Intensivierung des deutsch-niederländischen Austausches auf den Ebenen der Fachleute und der geschichtsinteressierten Öffentlichkeit. Grundsätzlich ist geplant, das Thema später auf einer weiteren Stufe zu vertiefen. Hierbei müsste man einen noch größeren internationalen Rahmen anvisieren und insbesondere auch spanische Forscher zu Wort kommen lassen.

Organisiert wird die Veranstaltung vom Institut für niederrheinische Kulturgeschichte und Regionalentwicklung (InKuR) an der Universität Duisburg-Essen und der Niederrhein-Akademie/Academie Nederrijn (NAAN) sowie vom Landschaftsverband Rheinland (LVR). Mitveranstalter sind die Bundesgemeinschaft für deutsch-niederländische Zusammenarbeit (BDNZ) und die Heresbach-Stiftung. Die Tagung soll zweisprachig ablaufen. Möglichst abwechselnd sollen niederländische und deutsche Vorträge gehalten werden. Es soll viel mit Bildmaterial über Präsentationen gearbeitet werden, wobei niederländische Vorträge mit deutschsprachigen Präsentationen unterlegt werden sollen und umgekehrt.

Der Lehrstuhl für Niederlandistik der Universität Duisburg-Essen ist am Projekt beteiligt und wird wesentlich dazu beitragen, Verständigung herzustellen und Diskussionen zu ermöglichen. Ein die Tagung begleitender Blog, organisiert vom Bonner LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, wird den Öffentlichkeitsrahmen zusätzlich weiten. Die Tagungsorganisation lässt sich über die hybride Form somit auf ein Experiment ein, den Dialog über „gelebte Zweisprachigkeit“ sehr direkt zu suchen. Es geht uns dabei darum, grundsätzlich das Interesse für einen Bereich der europäischen Geschichte, der heute in der Öffentlichkeit oft kaum noch bekannt ist, grundsätzlich zu wecken. Wir werden aus diesem Grunde den Kontakt mit den Medien suchen. Darüber hinaus bauen wir auf den Erfahrungen der in Jülich und auf Schloss Rheydt entwickelten Ausstellung „Weltreich und Provinz. Die Spanier am Niederrhein 1560 bis 1660“ auf.

Termin: 18. und 19. November 2022
Ort: Roermond

Nähere Informationen folgen.