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Bundesgemeinschaft für deutsch-niederländische Zusammenarbeit

Jahrestreffen des ANKK e.V. 2024

Vor genau 40 Jahren entbrannte mit dem Erscheinen von Svetlana Alpers‘ Buch The Art of Describing (1983) ein Methodenstreit, dessen Debatten die Kunstwissenschaft nicht nur mit Blick auf die Niederlande nachdrücklich herausgefordert, geprägt und belebt haben. Alpers‘ Kritik richtete sich damals gegen die vorherrschende Ikonographie, die sich auf die Autorität historischer Textquellen berief und die Bedeutung niederländischer Werke vornehmlich hinter ihrem realistischen Erscheinungsbild auszumachen suchte. Die amerikanische Kunsthistorikerin dagegen rief dazu auf, die Bedeutung der Bilder in der Gestaltung der Bildoberfläche zu suchen, sprich »in dem […], was das Auge aufnehmen kann – so trügerisch dies auch sein mag.« Für sie wurzelte die Eigenart der holländischen Malerei in deren Affinität für das Sichtbare und in der Sensibilität, mit der sie visuelle Erfahrung zu beschreiben vermag. Indem Alpers die Gemäldeproduktion des 17. Jahrhunderts als Teil einer spezifisch holländischen Sehkultur verstand, in der Bilder einen aktiven, eigenständigen Beitrag u.a. zu Wissenschaft und Erkenntnis leisteten, sollte sie der Forschung neue interdisziplinäre Wege und Perspektiven eröffnen. 40 Jahre später haben Kunstgeschichte, Bildwissenschaft und Visual Culture Studies nicht nur die von Alpers ausgemachte Lücke gefüllt, sondern ihre damalige Position kritisiert, historisch verortet und zum Ausgang neuer Fragen gemacht: Geschärft ist inzwischen unser Verständnis und Bewusstsein dafür, dass das Sehen und jede Art des Zu-Sehen-Gebens – bewusst oder unbewusst – von kulturell generierten Vorstellungen und strukturellen Machtverhältnissen mitgeprägt sind. So ist auf Alpers‘ Kritik an der Dominanz der Ikonographie auch eine Kritik an den blinden Flecken gefolgt, die durch die Akzentuierung des empirischen Blicks in The Art of Describing entstanden. Programmatisch zugespitzt sah Alpers mit ihrer Betonung visueller Wissensproduktion und Dokumentation (nicht zuletzt der Kartographie) die Kunst zu sehr im Dienst einer »Objektivität«. Die Konstruiertheit und Historizität der kulturellen Vorgaben hingegen gerieten bei dieser Fokussierung leicht aus dem Blick.

Anders formuliert: Bilder, Objekte und Architekturen sind Medien der Sichtbarmachung und Einflussnahme wie des Reflektierens und Handelns. Gleichzeitig sind visuelle Artefakte aber auch Mittel des Kaschierens, Ausblendens und Übersehens, die Welten mit eigenen Gesetzlichkeiten erzeugen. Mindestens so wichtig wie das, was Kunstwerke visualisieren, ist daher das, was sie nicht zeigen und virtuell erfahrbar machen. Gerade indem Bilder sich eines vermeintlich beschreibenden Modus und größtmöglicher Augenscheinlichkeit bedienen, versuchen sie uns von der Natürlichkeit jener impliziten Vorstellungen und nicht selten politischen Annahmen zu überzeugen, in die sie eingebettet sind. In diesem Sinne sollen daher im Mittelpunkt des ANKK-Jahrestreffens 2024 die (Un)Sichtbarkeiten niederländischer Kunst stehen.

Wir freuen uns über Beiträge, welche 40 Jahre nach dem Erscheinen von Svetlana Alpers‘ The Art of Describing die visuellen Kulturen der Niederlande und benachbarter Gebiete einer kritischen Revision unterziehen. Willkommen sind ebenso methodologische und historiographische Beiträge wie Untersuchungen, die vor dem Hintergrund rezenter Forschungsdiskussionen Fragen der Visualität und Virtualität zwischen Mittelalter und Gegenwart neu fokalisieren. Denkbar sind folgende und andere Aspekte:

  • Gesellschaftliche (Un)Sichtbarkeiten: Welche Rolle spielten Bilder, Objekte und Architekturen in der Sichtbarmachung und Hervorbringung von Macht? Und welche in Prozessen des Marginalisierens, Ausblendens und Vergessens? Mittels welcher visuellen Strategien wurde unsichtbaren Grenzen und impliziten Hierarchien normative Geltung verschafft?
  • Technische (Un)Sichtbarkeiten: Mittels welcher technischen Verfahren wurden die Grenzen des Sichtbaren verschoben? Welche künstlerischen Techniken eigneten sich, um visuelle Erfahrung und die Fallstricke virtueller Welten thematisch zu machen? Welche (impliziten) Vorannahmen und urteile konnten mit einzelnen Techniken einhergehen?
  • Materielle (Un)Sichtbarkeiten: Welche Funktionen übernahmen die spezifischen Materialien von Kunstwerken in deren Hervorbringung von Virtualität? Welche alternativen Beschreibungen eröffneten materielle und andere nichtvisuelle Eigenschaften von Kunstwerken? Und in welchen Konstellationen wurden diese anderen Zugänge durch die Normativität des Visuellen überblendet?
  • Wissensgeschichtliche (Un)Sichtbarkeiten: Mittels welcher visuellen und anderweitigen Strategien wurde Bildern, Objekten und Räumen im Kontext der Wissensvermittlung Evidenz verliehen? Wie problematisierten Kunstwerke die Grenzen (visuell gewonnenen) Wissens? Welche impliziten Annahmen konnten Medien visueller Objektivierung eingeschrieben sein?
  • Ökologische (Un)Sichtbarkeiten: Wie beförderten künstlerische Beschreibungen des Sichtbaren (vor)moderne Formen ökologischer Sensibilität? Welche alternativen Ökologien wurden von Landschafts, Pflanzen- und Tierbildern überschrieben, tradiert oder entworfen? Und in welchem Maße haben visuelle Medien nicht nur am Wissensfortschritt partizipiert, sondern auch die Dichotomie von Kultur und Natur befördert und damit den Ökokrisen unserer Gegenwart Vorschub geleistet?
  • Kunsthistoriographische Un(Sichtbarkeiten): Welche blinden Flecken lassen sich aus kunsthistoriographischer Perspektive für die Auseinandersetzung mit niederländischer Kunst konstatieren? Welche (Un)Sichtbarkeiten haben die kunstgeschichtliche Forschung zu Visualität und Virtualität geprägt?
     

Call for Workshops
Im Rahmen des Jahrestreffens sollen parallele Workshops die Auseinandersetzung mit den reichen Beständen niederländischer Kunst in den Wiener Sammlungen ermöglichen. Wir bitten um Vorschläge zu Workshops, die in Zusammenhang mit dem Tagungsthema stehen können, aber nicht müssen. Mögliche Veranstaltungsorte für Workshops wären die Albertina (Studiensaal), die Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste (Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett), das Kunsthistorische Museum Wien (Dauerausstellung Gemäldegalerie und Kunstkammer) oder die Österreichische Nationalbibliothek (Sammlung Handschriften und Alte Drucke). Auch Vorschläge zu Workshops an anderen als den genannten Orten sind willkommen! Ebenso sind Workshops in Seminarräumen des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Wien denkbar. Die Realisierbarkeit der Vorschläge wird in Rücksprache mit den Sammlungsverantwortlichen nach Einreichung bzw. bei Auswahl vom Organisations-Team geprüft. Wir bitten daher um möglichst konkrete Angaben zu Sammlungsobjekten, die im Mittelpunkt der Workshops stehen sollen, benötigtem technischen Equipment, gewünschter Gruppengröße etc.

Call for Posters
Im Rahmen des Jahrestreffens besteht die Möglichkeit einer Postersektion. Dieses zusätzliche Präsentationsformat soll Wissenschaftler:innen in der Qualifikationsphase (Master- oder Doktoratsstudium) ebenso wie etablierten Forscher:innen Raum für Information und Austausch über aktuell laufende oder kürzlich abgeschlossene Forschungsprojekte bieten. Ein Bezug zum Tagungsthema ist erwünscht, aber nicht erforderlich. Das Jahrestreffen ist in Präsenz geplant und wird vom 24. bis 26. Oktober 2024 in Kooperation mit dem Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien (Ko-Organisatorin: Sandra Hindriks) und dem Kunsthistorischen Museum Wien stattfinden, wo zeitgleich die Ausstellung Rembrandt – Hoogstraten: Farbe und Illusion zu sehen sein wird. Für eine Teilnahme ist eine ANKK-Mitgliedschaft oder eine Tagungsgebühr in Höhe von 40 EUR obligatorisch (bzw. von ermäßigt 20 EUR für Personen mit geringem Einkommen z.B. aufgrund von Promotionsstudium, Volontariat o.ä.). Reisekosten können nicht erstattet werden. Interessierte bitten wir um kurze CVs sowie deutsche oder englische Abstracts von nicht mehr als 500 Wörtern für einen 20-30-minütigen Vortrag, einen maximal 90-minütigen Workshop oder ein Poster.

Wir freuen uns über Einsendungen bis zum 29. Februar 2024 an folgende Adresse:
konferenz@ankk.org

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